Von wunderlichen Begebenheiten und Schauern

Auf den Spuren von Fabelwesen und verborgenen Schätzen im VBG-Marktgebiet

Wenn die Tage wieder kürzer und die Nebelschwaden vor den Fenstern dichter werden, ist es Zeit bei einer guten Tasse Tee einander Geschichten zu erzählen. Zumindest pflegte man die Tradition des Geschichten-Erzählens in der Vergangenheit. Auch im VBG-Marktgebiet ranken sich um einige Orten so manch schaurige und wunderliche Geschichte und pünktlich zu Halloween lassen wir diese wiederbeleben.

 

Das goldene Tor in Kloten

Unweit vom hübschen Dorf Kloten liegt ein kleiner Weiher – das goldene Tor genannt. Er ist nicht sonderlich tief, aber er birgt unergründliche Löcher, aus denen feiner Sand und schillernde Goldblättchen quellen. An einem heissen Tag – so wird erzählt – hütete in der Nähe ein Junge seine Schafe. Um sich ein kühleres Plätzchen zu suchen, lies er sich in der Nähe des Wassers nieder.

Plötzlich wurde das Wasser unruhig, Sand und Goldplättchen sprudelten an die Wasseroberfläche und ehe sich der Junge versah, tauchte eine schöne junge Frau aus dem Wasser auf. Lächelnd streckte sie dem Jungen einen goldenen Ring entgegen. Erstaunt wollte der Junge nach dem Ring greifen, aber die schöne Frau zog die Hand zurück. Geblendet von der Schönheit der Frau und des Rings griff der Junge nochmals nach und fiel ins Wasser. Die junge Frau umschlang ihn und zog ihm mit in die Tiefe.

Als es nicht mehr weiter ging, öffnete der Junge seine Augen. Es blendete ihn, doch nicht etwa von der Sonne. Vor ihm lag eine mächtige Stadt verschlossen von einem glänzenden goldenen Tor. Plötzlich öffnet sich das Tor und eine andere junge Frau trat ihnen entgegen. Da liess die schöne junge Frau den Jungen los um ihr entgegenzugehen. Kaum wurde der Junge nicht mehr festgehalten, riss es ihn mit einer Heftigkeit empor, so dass er wieder an die Oberfläche des Weihers gelangte.

Später ging der Junge noch oftmals zum Weiher, die schöne junge Frau wurde aber nie mehr gesehen.

 

Übrigens: Wie das goldene Tor in den Weiher gelangte, erzählt eine andere Sage.

(Nacherzählung aus: K. W. Glaettli. Zürcher Sagen, Mitteilung der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Bd 41, Zürich 1959.)

Nach dem Rückzug des Linthgletschers entstanden auf dem heutigen Gebiet des Zürich Flughafens Moore und Auenwälder. Zur Gewinnung von Einstreu und später für Weideland wurden im Mittelalter diese Räume grossflächig gerodet. Mit der Begradigung der Glatt und der Trockenlegung wurden ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Gebiete um den Flughafen tiefgreifend umgestaltet. Heute befindet sich die Quelle «goldenes Tor» als eines der letzten Überreste des Flachmoors freigelegt im Naturschutzgebiet.


Der Schatz bei Brütten

Wie der arme Mathis verrückt wurde

Vor vielen Jahren sorgte das Schicksal des irren Mathis im Dorf Brütten für Aufsehen. Den Grund seines Geisteszustands führten die Leute auf einen Schatz zurück. Denn schon lange erzählte man sich die Sage um einen reichen Schatz, der unter einem einsamen Birnbaum auf dem Acker «Steinmürli» bei Brütten liege. Nicht nur dem armen Mathis sollte dieser übel spielen.

Aber zuerst zu Mathis Schicksal, der von reichen Eltern Kind war. Als seine Eltern früh starben und Mathis den schönen Hof erbte, richtete er wilde Zechgelage aus, so dass bald alle Vorräte weg waren. Von Geldnöten geplagt, erinnerte sich Mathis an die Sage. In einer dunkeln Nacht schlich er zur Geisterstunde an den verrufenen Ort und machte sich unter dem Birnbaum zu schaffen. Da erschien ihm eine schöne Frau und machte ihm Hoffnung. Er würde den Schatz finden, wenn er ihr dreimal einen Kuss gebe. Lange zögerte Mathis nicht und gab der Frau einen Kuss. Doch da begann alles zu verschwinden und Mathis wachte am Morgen in seinem Bett auf. Etwas verwundert aber voller Vorfreude auf seine nächste Begegnung mit der Frau und dem Schatz wartete er wieder die Geisterstunde ab, ehe er sich zum Birnbaum aufmachte. Wieder erschien ihm die Schöne, doch als er ihr einen Kuss geben wollte, bemerkte er, dass er eine Kröte küsste. Voll Abscheu lief er davon und irrte den Rest der Nacht ziellos umher. Entsetzen und Furcht quälten ihm am folgenden Tag, konnte doch mit diesem Schatz etwas nicht stimmen.

Doch die Habsucht siegte und als er sich in der Nacht dem Birnbaum näherte, wartete die schöne Frau bereits. Mit geschlossenen Augen setze Mathis zum dritten Kuss an.

Am nächsten Morgen wurde Mathis halbtot unweit des Birnbaums gefunden. Vom Schatz fehlte jede Spur und auch Mathis Verstand schien ihn verlassen zu haben. Er lebte noch viele Jahre, ohne dass er je wieder der Alte wurde.

 

Der Schatz und der junge Bauer

Viele Jahrzehnte später, als die Geschichte des irren Mathis schon fast vergessen war, versuchte ein junger Bauer sein Glück mit dem Schatz. Doch er wollte den Schatz nicht für sich. Vielmehr wollte er seiner alten Mutter und seiner jungen Frau mit verschiedenen Annehmlichkeiten das Leben versüssen und auch das ärmliche Kirchlein im Dorf sollte eine Spende erhalten.

Doch auch bei ihm trat eine Gestalt aus dem Schatten des Birnbaums und stellte für die Bergung des Schatzes Bedingungen: Er solle im Wald einen Baum fällen und aus dem Holz eine Wiege für sein Kind bauen. Sobald ein Kind in der Wiege schreie, werde der den Schatz erhalten.

Mit einem Beil begab sich der Bauer in den Wald und wie von Zauberhand wurde er zu einer Tanne geleitet, die sich ungewöhnlich ring fällen liess. Obwohl ihm nicht ganz geheuer, fertigte er eine Wiege, denn schon bald kündigte sich sein erstes Kind an. Als es dann soweit war, legte der Bauer sein schreiendes Kind in die Wiege. Doch da verstummte es auf immer. Und auch er ging leer aus.

Traurig und verzweifelt verbrannte der junge Bauer die Wiege und während sie im Feuer aufging, löste sich der böse Zauber.

(Nacherzählung aus: K. W. Glaettli. Zürcher Sagen, Mitteilung der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Bd 41, Zürich 1959.)

Heute findet sich in der Gemeinde Brütten ein Acker mit dem Flurnamen «Steinmüri». Die Verwendung dieses Flurnamens ist häufig und bezeichnet entweder die Überreste von historischen Gemäuern und Steinen oder eine mauerartige Steinansammlung, die sich durch das Abtragen von Steinen aus den Äckern angehäuft haben. Gesichert ist, dass im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit eine Strasse Kloten über Brütten mit Winterthur verband.


Das Urteil von der Kyburg

Über eine witzige Sage weiss man sich über die Kyburg zu erzählen. Zurzeit, als die Zürcher Landvögte auf der stolzen Kyburg herrschten und auch über die Gerichtsbarkeit verfügten, machte ein Urteil von sich reden.

In einem nahegelegenen Dorf, das zur Gerichtsbarkeit der Kyburg gehörte, beklagte sich eine Frau beim Dorfpfarrer über die Rohheit und Streitlust ihres Ehegatten. Dieser würde sie gar gelegentlich auch schlagen. Der Pfarrer liess den Ehemann der geplagten Frau zu sich rufen und überreichte diesem einen Brief. Er möge diesen sogleich dem Vogt von der Kyburg überbringen und auf eine sofortige Antwort des Schreibens bestehen.

Nichtsahnend machte sich der Ehemann auf den Weg zur Kyburg, setzte sich bei den Wachen standhaft für seinen Auftrag ein und wurde schliesslich zum Vogt vorgelassen. Der Vogt rundzelte die Stirn, als er das Schreiben las und liess es schliesslich dem Boten laut vorlesen. Wie beschämt muss der Ehegatte gewesen sein als er von seinen Verfehlungen im Brief hörte mit der Bitte des Pfarrers um sofortige Bestrafung. Der Landvogt hielt sogleich Gericht über ihn und liess ihn am eigenen Leib spüren, wie unangenehm Prügel sind.

Seine Ehefrau hatte nie mehr Grobheiten von ihrem Ehemann zu beklagen. Das Urteil jedoch verbreitete sich in Windeseile und der Ehegatte musste noch viele Jahre den Spott seiner Mitmenschen über sich ertragen.

 

(Nacherzählung aus: U. Lüthi: Sagen aus dem Kanton Zürich, Zürich 1987)


Der Möttelischatz

Eine unheimliche Begegnung hatte -so erzählt man sich- eine Bauerfamilie in Regensdorf bei der Ernte auf dem Kornfeld. Weil es ein besonders schöner Spätsommertag war, arbeitete die Bauerfamilie bis spät abends auf dem Feld und band Garben. Die Dämmerung brach ein und als die Sonne untergegangen war, zogen Nebelschwaden vom nahen Katzensee herüber. Im fahlen Mondschein erhob sich die Ruine der Altburg, als die Magd ganz am Ende des Felds laut aufschrie. Als sich die Magd etwas von ihrem Schreck erholt hatte, erzählte sich den herbeigeilten Bauersleuten von einer weissen Gestalt, die am Waldrand herumwandelte. Sie soll wiederholt gerufen haben: «dort nicht, dort nicht!» und sich hin und her bewegt haben.

Während die Jüngeren versuchten, der Magd gut zuzureden und versicherten, sie habe sich die Gestalt bestimmt nur eingebildet, wussten es die Älteren besser: Das konnte nur Mötteli, der letzte Burgherr der Altburg gewesen sein – steinreich war er. Und weil er nach einem Streit mit den Zürchern in Eile seinen Sitz verlassen musste, hat er einen Teil seines Reichtums im Boden vergraben.

Nun kehrt der Geist Möttelis alle paar Jahre wieder, um seinen Schatz zu suchen und jene zu vertreiben, die dem Schatz zu nahekommen.

(Nacherzählung aus: K. W. Glaettli. Zürcher Sagen, Mitteilung der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Bd 41, Zürich 1959.)

Die Ruine Altburg war einst Stammsitz der Freiherren von Regensberg. Nach vielen Besitzerwechsel kaufte der deutsche Kaufmann Rudolf Mötteli von Rappenstein 1458 die Burg und das Bürgerrecht der Stadt Zürich. Mötteli liess die Burg umfassend und teuer renovieren, wie Bestell- und Inventardokumente belegen. Als Mötteli zusätzliche Bürgerrechte andernorts erwarb, kam es mit der Stadt Zürich zum Streit. Es gelang Zürich, Mötteli die Altburg ohne Entschädigung zu entziehen. Mötteli musste die Burg verlassen und versuchte einen Neuanfang in Lindau am Bodensee.

(Quelle: M. Brütsch: Aus dem Rahmen gefallen, Regensdorf, 2012.)