Mit anderen Augen sehen

Freie Mobilität – nicht für alle selbstverständlich
Nicht allen fällt die Fortbewegung im öffentlichen Verkehrsmittel leicht. Welche Faktoren können die Fahrt erschweren? Die Mitarbeitenden der VBG haben sich mit dieser Frage auseinandergesetzt – und am eigenen Leib gespürt, wie es sich anfühlt, wenn ein kleiner Tritt zum grossen Hindernis wird.

Alle einundzwanzig VBG-Mitarbeitenden erfreuen sich guter Gesundheit und fühlen sich fit. Keinem von uns fällt es schwer, einen Spurt hinzulegen, um das Tram zu erreichen, einen grossen Schritt in ein Fahrzeug hinein zu machen oder sich im VBG-Netz zurechtzufinden. Wie aber erleben jene Fahrgäste die Reise, denen dies alles nicht gelingt? Mit welchen Schwierigkeiten haben Menschen mit Seh-, Hör- oder Gehbehinderungen zu kämpfen, wenn sie Tram und Bus benutzen? Nicht nur für die Fahrdienstmitarbeitenden, die täglich im direkten Kontakt mit Betroffenen stehen, sondern auch für unsere Mitarbeitenden aus den Bereichen Betrieb, Infrastruktur, Angebot und Kundenbetreuung ist die Auseinandersetzung mit diesem Thema wichtig. Denn:

Mehr Verständnis für die Anliegen aller Fahrgäste erlaubt es uns, die Dienstleistung kontinuierlich zu verbessern.

Beeinträchtigungen werden simuliert

Auf freundliche Einladung unserer Transportpartnerin Eurobus Bassersdorf vertieften sich im Frühling sämtliche VBG-Mitarbeitenden ins Thema. Unter der Leitung von Roman Zwicky, Leiter ÖV Bassersdorf bei Eurobus und Betriebsausbildner Stephan Billeter konnten im Buszentrum verschiedene Hilfsmittel ausprobiert werden. Wobei der Begriff «Hilfsmittel» die Sachlage nicht trifft – ganz im Gegenteil handelt es sich dabei um Instrumente zur Hemmung diverser körperlicher Funktionen. Darunter fanden sich beispielsweise verschiedene Brillen, die die Sehfähigkeit stark reduzierten. Auch Ohrschützer lagen bereit, mit denen die eingeschränkte Hörfähigkeit simuliert werden konnte. Ein paar Mutige wagten es, sich die volle «Alters-Montur» überzuziehen, zu der ein steifer Kragen, eine Bleiweste und Gewichte für Fuss- und Handgelenke sowie Ellbogen- und Knieschützer gehörten. Gemeinsam schränkten sie die Beweglichkeit der Testpersonen ein und forderten beim Stehen, Gehen oder Aufstehen eine Extraportion Kraft.

Eindrückliche Erfahrungen

So ausgerüstet – oder eher eingeschränkt – versuchten wir, Haltestellenfahrpläne zu lesen, einen Türknopf rasch zu finden oder uns im Fahrzeug zurecht zu finden. «Gar nicht so einfach!» war bald der einhellige Kommentar aller Kursteilnehmer. Plötzlich wird auch klar, welche Funktion die auffälligen weissen Balken rund um die Bustüren erfüllen: gut sichtbar erlauben sie es sehbehinderten Personen, die Eingänge rasch zu finden. Die kurze Busfahrt dürfte ebenfalls allen in Erinnerung bleiben, denn das Unterwegssein wurde ungewohnt anstrengend. Die digitalen Anzeigen auf den Bildschirmen waren für die Spezial-Brillenträger kaum lesbar, die Stimme der Haltstellen-Ansagerin drang kaum durch die Ohrschützer. Und unsere Kollegen und Kolleginnen, die sich in die Westen, Gelenkschoner und Gewichte gezwängt hatten? Die waren im wahrsten Sinne erleichtert, als sie all die Erschwernisse wieder los wurden. Am Kursende waren viele frohe Gesichter zu sehen – und nicht wenige drückten sogar ihre Dankbarkeit aus für die eigene Unversehrtheit. Das Kursziel wurde klar erreicht: Die Teilnehmer gewannen mehr Verständnis für Menschen, die nicht ganz so flink, ganz so wendig oder ganz so unbeschwert unterwegs sind wie sie selbst.

Gleichberechtigte Teilhabe am öffentlichen Leben – gilt auch für die öffentlichen Verkehrsmittel

Am 1.1.2004 trat das «Bundesgesetz über die Beseitigung von Benachteiligung von Menschen mit Behinderungen», kurz Behindertengleichstellungsgesetz oder BehiG genannt, in Kraft. Es stellen sich in der Praxis seither eine ganze Reihe von Fragen zur Umsetzung, die bis ins Jahr 2023 abgeschlossen sein muss. So wird u.a. auch nach der Abgrenzung, respektive der Definition von «Behinderung» gefragt. Gerade im öffentlichen Verkehr wird das Thema vielfältig diskutiert und betrifft planerische, bauliche aber auch soziale Aspekte. Das Zusammenleben von Menschen, die Koexistenz im Verkehr unter den Aspekten Sicherheit, Verhältnismässigkeit, Kosten und Nutzen stehen dabei permanent auf dem Prüfstein. Als Unternehmen des öffentlichen Verkehrs handelt die VBG kundenorientiert und versteht das BehiG als Chance. Es ist offensichtlich, dass hindernisfreie Zugänge zum öffentlichen Verkehr auch Vorteile für viele weitere Personengruppen haben: für Betagte, kurzzeitig bzw. unfallbedingt gehbehinderte Personen sowie für Personen beim Mitführen von Kinderwagen und anderen Vehikeln auf Rädern. Alle profitieren vom reibungslosen Zutritt und den ausgewogenen visuellen und akustischen Orientierungshilfen, wie sie sich bei der Berücksichtigung des BehiG ergeben.

Auf der Glattalbahn sind alle Haltestellen bereits BehiG-konform gebaut, und es sind ausschliesslich niederflurige Cobratrams im Einsatz. Sämtliche Busse der VBG verfügen über die «Kneeling»-Technik – sie können also abgesenkt werden – und sind mit einer Rampe ausgerüstet, die bei Bedarf den Einstieg ins Fahrzeug erleichtert.

Webstory als PDF

Einschränkungen werden mithilfe von Brillen, Ohrschützern, Gewichten etc. simuliert und an realen Aufgaben getestet.

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Weitere Auskünfte gibt Ihnen gerne die VBG Verkehrsbetriebe AG, via E-Mail oder unter der Telefonnummer: 044 809 56 00

medien@vbg.ch

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