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Bassersdorf – pünktlich unterwegs

Und Lena denkt an den Indian Summer

Womöglich wirkt Bassersdorf an einem frühen Herbstnachmittag noch ein bisschen verlorener. Denkt sich Lena. Ein Niemandsort zur Niemandszeit im Niemandsland – nicht Stadt, nicht Land. Zwischen Lagerhalle und Gewerbeklotz steht ein Wohnmobil, der Kunstrasenfussballplatz reiht sich an ein ungeerntetes Roggenfeld. Aber heute musste Lena wegen eines Siebdrucks hinkommen: nach Bassersdorf. Hier wehten auffällig viele Schweizer Flaggen, dünkt es sie bei der Anfahrt. Als wollten diejenigen, die sie aufgehängt haben, sich versichern, wo sie leben. Als wollten sie sich behaupten.

Ob dem Gedröhne eines startenden Düsenjets und dem Fahrtwind des vorbeilärmenden Schnellzugs versteht man auf dem Perron das eigene Wort nicht. Doch die paar Leute, die eben ausgestiegen sind, reden ohnehin nicht miteinander. Auf dem Bahnhofvorplatz füllt ein alter Bärtiger einen Lottoschein aus, ein Schild besagt: «40 Jahre Adi Feierabend Malerarbeiten». Lena schmunzelt und fragt sich, ob Feierabend der geeignete Name für einen Gewerbetreibenden sei. Und wie lange der wohl noch weitermalen wolle?

Der Prontophot-Automat ist defekt, eine Frau mit rosa Rüschenbluse, auf ihren Rollator gestützt, lächelt selig, und man weiss nicht weshalb. Lena googelt auf dem Smartphone ihren Weg. Zwei Halbwüchsige in Fussballshirts warten. Ein Überlandbus mit dreistelliger Linienziffer trifft verspätet ein. Spuckt vier Passagiere aus, nimmt zwei neue auf. Und fährt, der Verspätung hinterherhetzend, gleich wieder los. Ein anderer Bus steht noch immer da, der Fahrer verdrückt ein Schinkenbrot. Und die Fussballjungs warten. Keine Ahnung worauf.

In der Gratiszeitung stand, die hiesigen Verkehrsbetriebe wiesen eine Pünktlichkeit von neunundachtzig Prozent aus, «gemäss Leitsystem». Weshalb ärgern die Reisenden sich denn fortwährend über Verspätungen? Vielleicht, weil die internen Richtlinien zu dem Leitsystem besagen, dass eine Abfahrtszeit von plus zwei Minuten noch unter «pünktlich» läuft. Das stand nicht in der Zeitung, ein Bekannter hat es Lena verraten. «Minus eine Minute» gilt auch als pünktlich. Und wenn man wie sie an einer Endhalteschleife wohnt, fährt einem das Tram beinahe täglich vor der Nase weg, weil sich der Chauffeur sagt, er werde unterwegs noch genug Zeit einbüssen. Lena zetert, verwirft die Hände und schickt ihm Verwünschungen nach – die er gottlob nicht hören kann.

Denn sie weiss selber, wie lächerlich ihre Empörung ist: In sieben Minuten fährt ein neues Tram, und sie hätte das Haus ja zwanzig Sekunden eher verlassen können, statt noch den Wasserhahn im Badezimmer glattzureiben.

Lena muss dann – aber erst, wenn sie sich wieder beruhigt hat – immer an Elio denken, den Freund aus Neapel, der sie einst in Zürich besuchte. Er lachte sie aus, wenn sie sich über eine um achtundvierzig Sekunden verspätete S-Bahn aufregte. Bei seiner Vorortsbahn, der Circumvesuviana, sei man froh, wenn sie überhaupt fahre. «Und unser Tram? Wenn es am Donnerstag nicht gefahren ist, fährt es vielleicht am Freitag», sagte Elio. Und schickte ein weiteres «vielleicht» hinterher: «…Magari.» Er wusste, weshalb die Schweizerinnen und Schweizer stets an ihren Verkehrsbetrieben herummäkeln: «Weil ihr sie liebt!», rief Elio aus. «Nur, wen ich liebe, kritisiere ich so scharf: meine Mama. Giorgio, den Pizzaiolo um die Ecke. Und die Società Sportiva Calcio Napoli.»

Termin erledigt, zurück zum Bahnhof. Lena geht an einem senfgelben Häuserblock mit verwitterten Sonnenstoren vorbei. Vermutlich waren die früher leuchtend orange, jetzt sind sie nur noch fahl. Und wozu Sonnenstoren bei dem Wetter? Aber ausgerechnet die tristen Farben der Wohnsiedlung lassen sie an den Indian Summer denken, den farbenprächtigen Blätterherbst in Neuengland. «Ach, wäre ich dort!», hört Lena sich selber murmeln. Eine ältere Frau fragt: «Wie, bitte?» Lena hat keine Zeit, darauf einzugehen.

Was hat sie in Bassersdorf eigentlich verloren?

Zeit. Sie sollte längst wieder weg sein… Im Gehen sucht sie sich mittels Fahrplan-App eine Verbindung raus und fragt sich für Augenblicke, weshalb wir zwar immer mehr zeitsparende Hilfestellungen haben und dennoch immer weniger Zeit. Hätte sie Zeit, könnte sich Lena im Coiffure-Salon «Gleis 1» kurz die Haare schneiden lassen. Womit sie Zeit gewänne. Ihr Blick fällt auf ein vergilbtes Plakat: «Lieber Zuwendung schenken als Ravioli füllen», steht darauf, es zeigt eine Mutter mit Kleinkind und wirbt für Fixfertigfood. Ist das nicht ein absonderlicher Zeitbegriff?, durchfährt es Lena. Als könnte man «wichtige» und «unwichtige» Zeit verbringen, als gehörte das Befüllen von Ravioli nicht zu den wertvollen Momenten!

Während Lena noch überlegt, ob nicht im vordergründig Unwesentlichen das wahre Leben liege – im Kochen, zum Beispiel, oder einem Umweg über Bassersdorf –, merkt sie, dass sie die Zeit vergessen hat. Sie stürzt sich in die Unterführung, hetzt die Rampe zum Perron empor… Und sieht die S24 auf Gleis 3 gerade noch abfahren.

Blick auf die Bahnhofuhr – der Zug hat Bassersdorf um Sekunden zu früh verlassen.

 

Dies ist eine von 25 «Gute-Fahrt-Geschichten» rund um die Gemeinden des VBG-Marktgebiets. Die Texte wurden von verschiedenen Schweizer Autorinnen und Autoren zum 25 jährigen Bestehen der VBG verfasst und sind unter dem Titel «Unterwegs» auch in Buchform erschienen.

(Die in den Texten geäusserten Meinungen spiegeln nicht notwendigerweise die Haltung der VBG. Teilweise sind die Geschichten auch frei erfunden.)

#Gute-Fahrt-Geschichten
Bänz Friedli

Bänz Friedli, 1965 in Bern geboren, Lieblingsfarben Blues und Gelb-Schwarz, lebt als Hausmann und freier Autor mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich. 2015 wurde Friedli mit dem „Salzburger Stier“ ausgezeichnet. Seine „Pendlerregeln“ in „20Minuten“ wurden Kult und bis November 2019 schrieb er wöchentlich im „Migros-Magazin“ die Kolumne „Bänz Friedli“. Aktuell ist er in der „Zytlupe“ auf Radio SRF1 zu hören, tourt er mit kabarettistischen Programmen und schreibt er für die „NZZ am Sonntag“ über Popkultur.

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