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Boppelsen – kommunikativ unterwegs

Blofeld und heisse Wädli ob Boppelsen

Bahnhof Otelfingen

Willkommen im 450er: Über fünf Stopps nach Boppelsen. Der Blick geht aus dem Fenster, hinauf zur Lägern, dem Höhenzug, der sich von Dielsdorf bis Baden erstreckt. Die riesige Kugel, die sich vom dichten Wald abhebt, könnte einem James-Bond-Film entstammen, in dem sich ein Bösewicht die Welt zum Untertan machen will. Blofeld in Bopplisse? Ach was! In Tat und Wahrheit ist alles viel unspektakulärer: Beim grosskopfigen Turm handelt es sich um eine Radarstation der Schweizer Flugsicherung Skyguide, mit der diese den Luftverkehr rund um den Airport Zürich überwacht.

Haltestelle Landstrasse

Die Überwachung (soziale): Auf einer kurzen Strecke wie jener von Otelfingen nach Boppelsen (oder eben «Bopplisse», wie die Boppelser, also die Bopplisser, sagen) bleibt kaum etwas im Verborgenen. Auch fremde Fahrgäste nicht, die sich ganz automatisch auf die hinteren Sitze verkrümeln. Man kennt sich in der Regel. Mit Betonung auf Man(n). Denn während ER den an der nächsten Haltestelle zusteigenden und ihm anscheinend wohlbekannten Fahrgast mit «Du» anspricht, ist SIE mit ihm per «Sie». Ein weitverbreitetes Phänomen, das sich über eine ganze Generation hinweg erstreckt und nirgends so deutlich wird, wie im ÖV. Zwischen gesprenkelten Velourssitzen dem Kollegen des Gatten das Du anbieten, und das nach dreissig Jahren strikten Sieseins? Sie, aber sicher nöd! «Adieu, en schöne Tag no und en Gruess de Frau». Ein prüfender Blick des Chauffeurs in den Rückspiegel, schon geht die Bergfahrt weiter. Ein Auge immer auf der Uhr, ein Ohr am Funk.

Haltestelle Post

Der Funk: Was Skyguide der Radar hoch oben auf der Lägern, das ist der VBG das Funkleitsystem. Es stellt die Kommunikation zwischen Bus und Leitstelle, aber auch zwischen den einzelnen Chauffeuren sicher. Und das ist nicht ganz unwichtig, sei an dieser Stelle mal erwähnt. Denn niemand erfasst eine Veränderung der Verkehrslage so schnell, wie der Chauffeur vor Ort! Gerät er in einen Stau, kann er die nachfolgenden Kurse vorwarnen. Wirds auf der frisch verschneiten Bergstrasse rutschig, liegt es in seinem Ermessen, eine Umfahrung zu empfehlen. Die VBG hat vor ein paar Jahren ein autonomes, vom Netz des Zürcher Verkehrsverbundes losgekoppeltes Funknetz aufgebaut. Damit ist die rasche, unkomplizierte Kommunikation zwischen allen Linien und der Leitstelle gewährleistet.

Haltestelle Schule

Die Kommunikation: Was wird sie nicht immer wieder heraufbeschworen. In allen Branchen, in allen Lebenslagen, in allen Formen. Die einfachste davon: Das Gespräch zwischen zwei Menschen. Bloss nicht im ÖV. Oder etwa doch? Über Jahrzehnte hinweg wurde dem Fahrgast mittels gut sichtbar angebrachtem Hinweis (und mancherorts gar unter Androhung einer Strafe) eingebläut, sich die Unterhaltung mit dem Fahrer bitteschön zu verkneifen. Und heute? Die Schilder sind weg! Zumindest im 450er und auf den anderen Linien der VBG. Man darf also mit dem Chauffeur grundsätzlich sprechen – bloss bekommt man vielleicht nicht gleich eine Antwort, sondern muss warten, bis die Situation es zulässt. Die Verantwortung, ob und wann er oder sie sich auf ein (kurzes) Gespräch einlässt, die liegt einzig und alleine beim Mann oder bei der Frau am Steuer. Der gesunde Menschenverstand verlegt ein solches eh von der Fahrt auf die kurze Pause an der Haltestelle.

Haltestelle Boppelsen Dorf

Die Verantwortung: Pünktlichkeit ist die grösste Tugend eines jeden Chauffeurs, einer jeden Chauffeuse! Das hat viel mit Berufsstolz zu tun. Aber auch mit klaren Vorgaben seitens des Fahrplans, an denen nicht gerüttelt wird. Zu frühes Losfahren wird – mit Ausnahme – demnach nicht geduldet, Verspätungen bis zu 2 Minuten grad noch toleriert – so der Grund denn tatsächlich auch ein plausibler ist. Stau beispielsweise, Hilfestellung gegenüber einem gehbehinderten Fahrgast vielleicht, eine Baustelle auch. Was wir, denen der Bus grad vor der Nase weggefahren ist, bei aufkommendem Tobsuchtsanfall (und auch später, wenn dieser sich wieder gelegt hat) häufig vergessen: Hält der Fahrer den Fahrplan wiederholt und unbegründet nicht ein, droht ihm im schlimmsten Fall gar die Kündigung! Dass jemandem wegen ein paar verpassten Minuten gekündigt wurde, das hat man bei der VBG aber zum Glück noch nie erlebt.

Haltestelle Hand

Das Glück: Es ist einem nicht immer hold. Oder manchmal in verkappter, erst auf den zweiten Blick erkennbarer Form. Die sechs Minuten Fahrt mit dem 450er von Otelfingen nach Boppelsen nämlich sollen mit einem lediglich kurzen Spaziergang zum einzigen Restaurant am Ort aufgewogen werden. Doch, ach: Wirtesonntag, wegen zu geschlossen! Der Chauffeur hätt’s bestimmt gewusst – man müsste tatsächlich einfach nur reden miteinander.
Programmänderung also, aus kurz wird lang, Schuhe straff gebunden und strammen Schrittes der Hochwacht Lägern zu, zum grosskopfigen Turm aus dem vermeintlichen Spionage-Thriller, der die Lage der 1400-Seelengemeinde einer Stecknadel gleich und weit herum gut sichtbar markiert. Statt Cordon Bleu in gibts jetzt halt heisse Wädli ob Boppelsen.

 

Dies ist eine von 25 «Gute-Fahrt-Geschichten» rund um die Gemeinden des VBG-Marktgebiets. Die Texte wurden von verschiedenen Schweizer Autorinnen und Autoren zum 25 jährigen Bestehen der VBG verfasst und sind unter dem Titel «Unterwegs» auch in Buchform erschienen.

(Die in den Texten geäusserten Meinungen spiegeln nicht notwendigerweise die Haltung der VBG. Teilweise sind die Geschichten auch frei erfunden.)

#Gute-Fahrt-Geschichten
Flavian Cajacob

Flavian Cajacob ist Journalist. Er schreibt, fotografiert und filmt für verschiedene Schweizer Medien, Institutionen und Unternehmen. Flavian Cajacob lebt mit seiner Familie in Zürich.

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