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Buchs – verborgen unterwegs

Pilgerreise nach Buchs

Stationsvorsteher Muhr schob sich die schwarze Mütze mit dem goldenen Signet der Nordost-Bahn zurecht und trat aus dem Schatten des Bahnhofgebäudes. Er blickte nach links, sah den Turm der Buchser Kirche über die Krone der mächtigen Buche hinausragen. Er blickte nach rechts den Gleisen entlang, die sich in einer leichten Rechtskurve zum Schwenkelberg hinzogen. Von dort würde in wenigen Minuten der Zug aus Bülach einrollen. Muhr zog seine Taschenuhr aus dem schwarzen Gehrock. Jetzt würde die Bahn wohl über die kleine Brücke im Wald rattern. Wenig später könnten die Passagiere ins Tal hinabschauen, die Felder und Wiesen sehen, welche die Bauerndörfer umfassten: Regensdorf, Adlikon, Dällikon. Wenn es denn Passagiere im Zug hat, dachte Muhr. Die Linie zwischen Bülach und Baden rentierte nicht. Und er, Muhr, kam sich zumeist überflüssig vor, verloren auf einem gottvergessenen Bahnhof.

Im Rhythmus ihrer Kolben spuckte die schwarze Lock Russ in die blaue Morgenluft des makellosen Tages, als sie sich dem Bahnhof näherte. Drei tannengrüne Passagierwagen zog sie hinter sich her. Muhr machte einen weiteren Schritt nach vorn. Der Zug kam zum Stehen. Da schlug eine Tür des zweiten Wagens auf. Eine Hand in einem beigen Handschuh tastete nach dem Geländer. Ein Fuss in einem weissen Damenschuh trat auf den hölzernen Absatz. Eine Frau im hellen Sommerkostüm betrat das Perron. Sein Perron. Muhr schaute sie an, als sei ihm ein Gespenst erschienen. Manchmal stiegen wohl ein paar Bauern oder ein Viehändler ein oder aus, vielleicht gar die eine oder andere Magd. Aber jemand in so eleganter Kleidung sah Muhr höchstens gelangweilt am Fenster des Erste-Klasse-Wagens sitzen, wenn die Herrschaften die Bahn auf dem Weg nach Baden zur Kur benutzten, was selten genug vorkam.

Ein schriller Pfiff schreckte ihn aus seinen Gedanken. Er hatte ganz vergessen, das Abfahrtssignal zu geben. Muhr hob die Kelle. Mit einem Schnauben zog die Lok an.

Die Frau war stehen geblieben, neben ihr ein Koffer, der nach langer Reise aussah. Sie musste sich verirrt haben, war Muhrs einzige Erklärung. Wahrscheinlich war sie in den falschen Zug eingestiegen. Oder sie glaubte, dies sei bereits Baden. Was sollte er bloss mit ihr anfangen?

Da winkte sie Muhr mit einer leichten Handbewegung zu sich heran.
«Guten Tag», sagte sie freundlich, aber mit einem höchst fremdländisch klingenden Akzent. Deutsche oder Franzosen oder Italiener hatte er schon sprechen gehört. Aber diese Frau klang anders. Aus beinahe schwarzen Augen blickte sie ihn an. Sie war sehr jung, dachte Muhr, sie war sehr schön, aber auch anders als die Frauen von hier. Was sollte er nur sagen?
«Nicht wahr», kam sie ihm zuvor, «man nennt diese Bahn die Schipkapass-Bahn?» und ihre behandschuhte Hand zeigte aufs Gleis zu ihren Füssen.
«Ja», antwortete Muhr überrascht. So nannte man sie tatsächlich. So oder Schwenkelberg-Bahn oder einfach Bülach-Baden-Bahn.
«Können Sie mir verraten, weshalb die Bahn diesen Namen trägt», erkundigte sich die junge Frau weiter.
«Ja, also, das ist, weil…» Und Muhr erzählte ihr die Geschichte der Bahn, welche seine Gesellschaft vor 20 Jahren, 1877, eröffnet hatte. Er erzählte ihr vom Streit zwischen seiner Nord-Ost-Bahn und der Nationalbahn, und dass man mit dieser Strecke die Konkurrenz aus dem Rennen hatte werfen wollen. Das sei auch gelungen, erzählte Muhr, habe die Nord-Ost-Bahn die Nationalbahn doch 1880 geschluckt. Seitdem sei die Linie aber leider auch nicht mehr wichtig und am liebsten würde man sie wohl einstellen, fügte Muhr betrübt hinzu.
«Ja, aber warum Schipkapass-Bahn?» unterbrach sie ihn.
«Nun, damals war ja Krieg im fernen Bulgarien. Und auf dem Schipkapass wehrten sich die Russen gegen eine Überzahl der Osmanen. Das war damals Tagesgespräch, sogar im kleinen Buchs», sagte Muhr und die Frau schaute versonnen in Richtung des Dorfes. «Ja, und einer der schwersten Güterzüge, die je über diese Strecke gefahren ist, beförderte Lokomotiven. Die sollten den Kampf der Russen unterstützt haben. Vielleicht haben sie ihn ja auch dank der Loks aus der Schweiz gewonnen?» Damals hätte er hier Bahnhofsvorsteher sein müssen, dachte Muhr, da war wenigstens noch etwas los.

Eine Weile nun schwiegen beide. Da fasste sich Muhr ein Herz und fragte die Unbekannte, was sie hierher verschlagen habe.

Anstatt zu antworten, zog sie aus einer Brieftasche eine Fotografie. In bräunlichen Tönen war ein Mann abgebildet. Er trug eine elegante Uniform. Ein Säbel hing an seinem Gurt. «Mein Vater», sagte die junge Frau. «Er fiel am Schipkapass. Ich habe ihn nie kennen-gelernt, nur Geschichten von ihm gehört. Vor einem Jahr habe ich beschlossen, eine kleine Pilgerfahrt zu unternehmen, nicht nach Bulgarien, das wäre vielleicht zu schmerzhaft. Aber zu all den Orten, die heute den Namen Schipkapass tragen. Und, wissen Sie, das sind viele. Ein Wirtshaus in Deutschland, eines in Prag, eine Brücke in Glasgow, gar ein Pass im fernen Himalaya. Nun, dort werde ich vielleicht nicht hingelangen. Aber hierher habe ich es geschafft», lächelte die junge Frau.
Muhr staunte. So viele Orte also gab es, die Schipkapass hiessen und alle waren irgendwie auch mit seiner Bahnstrecke verbunden. Plötzlich war ihm, als sei sein Posten in Buchs gar nicht mehr so weltverloren, als habe die Geschichte ihn doch angekoppelt wie einen Waggon an eine starke Lok.

Die junge Frau und der Bahnhofsvorsteher unterhielten sich noch eine Weile. Sie bat ihn, auf ihr Gepäck aufzupassen, um noch ein wenig den Geleisen entlang spazieren zu können. Später, als der Zug zurück nach Bülach eintraf, verabschiedeten sie sich voneinander als Menschen, die sich noch vor ein paar Stunden unbekannt waren und nun eine Verbindung besassen.

(Die Schipkapass-Bahn fuhr übrigens noch bis 1937. Dann ging im Bahnhof ob Buchs das Licht aus. Doch solange das Bahnhofgebäude steht, wird man sich auch der Schipkapass-Bahn erinnern.)

 

Dies ist eine von 25 «Gute-Fahrt-Geschichten» rund um die Gemeinden des VBG-Marktgebiets. Die Texte wurden von verschiedenen Schweizer Autorinnen und Autoren zum 25 jährigen Bestehen der VBG verfasst und sind unter dem Titel «Unterwegs» auch in Buchform erschienen.

(Die in den Texten geäusserten Meinungen spiegeln nicht notwendigerweise die Haltung der VBG. Teilweise sind die Geschichten auch frei erfunden.)

#Gute-Fahrt-Geschichten
Ronald Schenkel

Ronald Schenkel ist Journalist und Kommunikationsprofi. Am liebsten schreibt er über Themen des Meeres. Die Begegnung am Bahnhof Buchs ist frei erfunden. Doch Zeugen der einstigen Bahnlinie finden sich nicht nur in Buchs, sondern auch im Mettmenhasler Holz.

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