deen

Dietlikon – stürmisch unterwegs

An Rosen, da sind Dornen

Es trug sich zu in einem Dorf, das hier nicht genannt sein soll, weil alles gar so schrecklich war. Verraten sei nur dies, dass es irgendwo zwischen Bassersdorf und Dübendorf geschah. Dort wohnte in einem kleinen Chalet unten am Brandbach der Peter – so er denn im Dorf war. Denn den Winter thur lebte Peter irgendwo an einem südlich fernen Sonnenrain, wo er – wie er stets erzählte – einen Rebacker besass. Im Dorf sagte man, er sei ein wenig durchgeknallt, der Peter, einer der nicht arbeite, oder nur, wenn es ihm grad passe. Und überhaupt, was er da unten in seinem Sonnenbühl tue, wisse niemand so genau, und ob es diese Wiihalde und die Reben wirklich gebe… Man sei da gar nicht so sicher.

Und doch: Den Winter thur war es im Dorf nicht nur kalt, sondern auch leer – wenn Peter nicht zugegen war. Und wenn er dann plötzlich wiederkam, wurde es spürbar wärmer und alle waren irgendwie auch froh, ihn zurückzuhaben. Er gehörte halt schon zum Dorf, der Peter – irgendwie.
Wenn er dann wie immer nachmittags den Cher machte, vom Bach her kommend über die Vorderi Halde gegen das Oberdorf schlenderte, laut pfeifend an der Schule vorüberging, da gab es einige – vorwiegend weibliche, die da unterrichteten – die ihm bewundernd hinterhersahen.

«Da kommt der Peter in Bünten…», wollte Röslen eben sagen, schluckte es aber hinunter. Denn niemand durfte wissen, dass zwischen ihr und Peter etwas war. Dabei, schaut ihn euch doch an: so bunt gekleidet, wie er daherkommt, sieht man schon von weitem, dass er anders als die andern ist. Die andern, so grau und uniform, als würden sie in der Industrie malochen. Auch treibt sich Peter nicht am Bahnhof rum wie all die anderen, sondern spaziert Aufwiesen und geniesst es, hier zu sein. Und am allerschönsten: wenn die Schule dann vorüber war, schlich Röslen über die Hintergasse heim zu Peter. Dann spazierten sie gemeinsam zum Altbach, legten sich dort unter die Eichen und hatten einander Geren. Manchmal gingen sie auch zum Scheibenbühl, wo man vom Säntis bis zum Bachtel alles sah. Egal wo und was, wichtig war für Röslen nur, dass sie mit ihm zusammen war.

Lange ging dies gut. Den Winter thur war es kalt und still im Dorf, dann wurde es wärmer, Peter kam und auch Röslen blühte wieder auf. Sie war glücklich auf dem Bühl oder der Eichelwiese.

Erst viel später, nachdem es schlimm geendet hatte, wurde Röslen sich bewusst, dass sie es hätte wissen müssen. Peter hatte es ja angedeutet, als er ihr die Rosen schenkte. «Pass auf», hatte er gesagt, «da sind Dornen dran.» Als ob sie das nicht selber wüsste. Dass er sie eigentlich hatte warnen wollen, begriff sie erst viel später dann.

Einmal nur lag Röslen mit Peter auf der Brunnenwiese, gesäumt von Erlen und von Weiden. Früher hatte man dort Brandholz gesammelt, doch heute war kaum je einer da. «Eher begegneten sich hier Fuchs und Hase», hatte Peter gesagt.

So lagen Röslen und Peter also splitternackt auf der Faisswiesen und waren gerade so schön am Brüttisellen, da schreckte Röslen auf.
«Was ist?», fragte Peter.
«Ich hab etwas gehört», sagte Röslen und spähte hinüber zu den Erlen und den Weiden.
«Pappel la Papp», sagte Peter und zog sie wieder zu sich hin. «Es gibt keinen Grund zu schrecken.»
Doch da schrie schon jemand grell: «Was sehe ich denn da? Wir sind doch hier nicht auf der Zipfelwiesen
Peter konnte gerade noch die Letten über das Hörnli ziehen, da stand sie schon vor ihnen: die Looren. Aufgebracht, ganz rot vor lauter Kloten.
«Was tust du denn hier?», stiess Peter ungläubig hervor. Die Looren war doch gar nicht aus diesem Dorf. Lebte weit Hinental beim Weizenacker in Schwerzenbach. Oder war es etwa nicht die Looren, die da vor ihm tobte? War es jene von der Kyburg, der er einmal zugerufen hatte: «Lass deine goldenen Clariden herunter.» Und die er damit so verzückte, dass sie ihm fortan nicht nur die Clariden schenkte, sondern ihn auch an ihren Schwerzelboden liess. Vielleicht war es auch sie vom Haldengut?
Peter war verwirrt und bevor er sich gefunden hatte – wahrscheinlich war es eben doch die Looren, – schrie diese: «Was bist du mir ein Hinterbund

Die Röslen war nun auch aufgestanden und starrte die Looren an. Sie schien jetzt zu begreifen und fiel auch in wütendes Lampitzäckern, so dass Peter Klimm und Aegert wurde. Und schlagartig war ihm klar: am Bettsten war es jetzt, sich schleunigst vom Fadacker zu machen. Also griff er nach seinem Lederäcker und wollte los.
Doch da hatte die Looren ihn bereits gepackt und die Röslen einen Steck gegriffen. «Warte nur, jetzt Tödi di!», schrie sie. Wild und wütend gingen die beiden auf ihn los – und liessen nicht eher von ihm ab, als bis Peter nur noch ein einziger Stapfacker war. Röslen und Looren aber sahen einander lange an und wussten dann, was sie jetzt vollbringen mussten.

Das Dorf glaubt seither, der Peter sei auf irgendeiner südlichen Hofwiesen glücklich geworden und komme darum nicht mehr heim. Dass das tiefe Moor ennet dem Steinacker für manchen schon zum Bromacker geworden war, kam keinem in den Sinn. Und dass seit einiger Zeit auf der Faisswiesen zwischen all den Erlen und den Weiden auch noch eine Linde wuchs, fiel niemandem auf.
Röslen jedenfalls hatte ihren Steck nicht mitgenommen. Und wenn sie und Looren nicht gestorben sind, dann Turpen sie noch heute.

Beat Glogger liest seinen Text gleich selbst vor: Hier.

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  • Aegertstrasse
  • Aegertweg
  • Altbachstrasse
  • Alte Dübendorferstrasse
  • Alte Winterthurerstrasse
  • Am Bach
  • Aufwiesenstrasse
  • Bachtelstrasse
  • Bahnhofstrasse
  • Bassersdorferstrasse
  • Bettstenstrasse
  • Brandbachstrasse
  • Brandholzweg
  • Bromackerstrasse
  • Brunnenwiesenstrasse
  • Brüttisellerstrasse
  • Bühlstrasse
  • Chaletweg
  • Cherweg
  • Claridenstrasse
  • Dorfstrasse
  • Dornenstrasse
  • Dübendorferstrasse
  • Eichelwiesenstrasse
  • Eichenweg
  • Erlenweg
  • Fadackerstrasse
  • Faisswiesen
  • Fuchshalde
  • Gerenstrasse
  • Grundstrasse
  • Haldengutstrasse
  • Haldengutweg
  • Hasenrain
  • Hinentalstrasse
  • Hinterbundstrasse
  • Hintergasse
  • Hofwiesenstrasse
  • Hörnliweg
  • Im Aegert
  • Im Klimm
  • Im Stapfacker
  • Im Weizenacker
  • In Bünten
  • In Lampitzäckern
  • In Lederäcker
  • In Letten
  • Industriestrasse
  • Klimmweg
  • Klotenerstrasse
  • Kyburgerweg
  • Lettenstrasse
  • Lindenstrasse
  • Loorenstrasse
  • Moorstrasse
  • Oberdorfstrasse
  • Pappelstrasse
  • Peterweg
  • Rebackerweg
  • Rebweg
  • Rosen-Weg
  • Röslenweg
  • Säntisstrasse
  • Scheibenbühlstrasse
  • Schulgasse
  • Schwerzelbodenstrasse
  • Schwerzenbachweg
  • Sonnenbühlstrasse
  • Sonnenrain
  • Stapfackerweg
  • Steckweg
  • Steinackerstrasse
  • Storchenbühl
  • Tödi-Strasse
  • Turpenstrasse
  • Vorderi Halde
  • Weidenweg
  • Wiihalde
  • Zipfelwiesenstrasse

 

Dies ist eine von 25 «Gute-Fahrt-Geschichten» rund um die Gemeinden des VBG-Marktgebiets. Die Texte wurden von verschiedenen Schweizer Autorinnen und Autoren zum 25 jährigen Bestehen der VBG verfasst und sind unter dem Titel «Unterwegs» auch in Buchform erschienen.

(Die in den Texten geäusserten Meinungen spiegeln nicht notwendigerweise die Haltung der VBG. Teilweise sind die Geschichten auch frei erfunden.)

#Gute-Fahrt-Geschichten
Beat Glogger

Beat Glogger ist Wissenschftsjournalist und widmet sich normalerweise der realen Faktenwelt (www.higgs.ch). Hier jedoch hat er seiner Fantasie freien Laut gelassen. Die Geschichte ist frei erfunden. Einzig die kursiv gesetzten Wörter entsprechen den echten Strassennamen der Gemeinde Dietlikon.

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