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Dübendorf – hoffnungsfroh unterwegs

Nächster Halt Hoffnung – Endstation Eishalle

Es ist der Bus 752 und gleich die erste Haltestelle nach dem Start in Stettbach hat einen Namen, der über der ganzen Reise stehen könnte, von der jetzt die Rede ist: Hoffnung. Dübendorf, Hoffnung. Vermutlich gab es hier früher einmal einen Gasthof, der so hiess. Aber beim Rollen über die Zürichstrasse macht das Gehirn ganz andere Verbindungen: Nächste Station Hoffnung – Endstation Sehnsucht. Der deutsche Titel des Films von 1951 hat sich von dem ziemlich trostlosen Tennessee-Williams-Drama inzwischen völlig losgelöst. Endstation Sehnsucht klingt gut. Und die Endstation dieser Fahrt steht mit Leuchtanzeige am Bus: Kunsteisbahn.

Nennen wir sie Denise. Sie ist 13 Jahre alt und fährt diese Strecke fast jeden Tag. In ihrem Rucksack befinden sich die Schlittschuhe. Die Kufen – fachmännisch geschärft von Meng in Davos – stecken in weich gepolsterten Überziehern. Nur die Freizeitläufer lassen die Plastikschoner dran, auf denen man auch laufen kann. Aber das ist tödlich für die Eisen. Denise ist keine Freizeitläuferin. Ist sie auf dem Eis, trainiert sie. Schon seit sie sechs Jahre alt ist. Und ein Ziel hat immer das andere abgelöst: Zuerst waren es die Sternli-Tests, die bestanden werden mussten. Beim vierten Sternli-Test hiess es bereits eine richtige Kür zu präsentieren, mit Sprüngen, Pirouetten und Schritten. Jetzt ist Denise eine Kaderläuferin und zwar bei den Junioren. Das heisst, sie übt bis zu sechsmal in der Woche. Die Trainerin sagt, bald könnte sie den Goldtest schaffen. Das wär’s. Dann gilt man etwas in der Szene. Und auch die anderen Mädchen aus Effretikon oder Kloten, die sie an Wettbewerben oder im Sommerlager in Flims trifft, würden dann aufschauen zu ihr. Doch der Goldtest ist hart: Doppelaxel, ein Dreifachsprung und drei verschiedene Zweifach-Zweifach-Kombinationen. Da muss sie noch oft den Bus zur Kunsteisbahn nehmen und üben.

Eiskunstlauf ist vielleicht der jüngste Leistungssport überhaupt. Schaut man sich die Jahrgänge der derzeitigen Weltspitze an, sind dort die 2000er langsam in der Mehrzahl. Die letzte Olympiasiegerin, die Russin Alina Sagitowa erblickte am 18. Mai 2002 das Licht der Welt; ihre Goldmedaille gewann sie mit 15 Jahren. Auch für die Jungs gilt, man muss ganz schön jung bereits ganz schön viel können. Es heisst, wer mit 14 nicht schon alle Dreifach-Sprünge beherrscht, hat kaum eine Chance, ganz nach oben zu kommen.

Ganz nach oben. Für Denise sind das erst einmal die Schweizermeisterschaften der Junioren. Im letzten Januar fuhr sie dafür nach Morges. Super nervös war sie. Aber es lief gut. Der Weg ist jetzt klar. Ein oder zweimal noch bei den «Kleinen» und dann ab in die Elite. Da kann man dann Schweizermeisterin werden und in die Fussstapfen treten von Denise Biellmann und Sarah Meier. Nur doof, dass da im Moment diese Alexia Paganini den obersten Rang besetzt und wohl so schnell nicht abgeben wird. Die 16-Jährige ist eigentlich Amerikanerin und hat nur durch ihren aus dem Puschlav stammenden Vater auch noch einen Schweizer Pass. Denise hat sie gesehen, wie sie an den Schweizermeisterschaften einlief, nur Englisch sprach und sich berechnend und routiniert den Titel schnappte. Auch dieses Mädchen fährt jeden Tag zu einer Eishalle. Die liegt allerdings in Hackensack bei New York und ist eine richtige Medaillenschmiede. Alexias Trainer meinte, wenn sie für die Schweiz starten würde, hätte sie es viel leichter. Und tatsächlich, schwuppdiwupp, war sie an den Olympischen Spielen.

Denise ist sich nicht sicher, ob sie Alexia wirklich beneiden soll. Natürlich, auf den vier Eisfeldern des Ice House of New Jersey gibt es wahrscheinlich immer genügend Platz für jedes Talent auf Kufen. Alexia kennt ihn wahrscheinlich nicht, den ewigen Kampf, der in Dübendorf wie in allen Schweizer Eishallen herrscht. Wenn es um die Eiszeit geht, sind sie die ärgsten Feinde: die Hockeyspieler und die Kunstläufer. Aber dafür ist es in Hackensack bestimmt nicht so heimelig wie an der Endstation des Busses 752. Die Kunsteisbahn Dübendorf liegt nämlich wirklich idyllisch. Ganz viel Grün aussenherum, und im Sommer sitzt man auf der Terrasse des Cafés direkt an der Glatt.
Also wenn Denise ein Vorbild hat, dann ist es bestimmt nicht Alexia Paganini und auch nicht Sarah Meier aus Bülach, die sogar einmal Europameisterin wurde. Nein, Denise würde alles geben, so werden zu können, wie der grösste Schweizer Eislauf-Pendler: Stéphane Lambiel. Ein paar Mal durfte sie dem zweifachen Weltmeister und Olympiazweiten schon zusehen bei «Art on Ice» im Hallenstadion. Immer war sie hin und weg – dieses Gleiten, diese Geschmeidigkeit und immer noch diese Wahnsinnsprünge. Besonders berührte sie eine Nummer, die der Traumprinz zum Song «Take the Long Way Home» von Supertramp tanzte. Darin spielte er nämlich seine Geschichte, die in jungen Jahren hauptsächlich in den Bussen und Zügen zwischen seinem Heimatdorf Saxon und der Trainingshalle in Genf stattfand. Die Hoffnung fuhr immer mit.

 

Dies ist eine von 25 «Gute-Fahrt-Geschichten» rund um die Gemeinden des VBG-Marktgebiets. Die Texte wurden von verschiedenen Schweizer Autorinnen und Autoren zum 25 jährigen Bestehen der VBG verfasst und sind unter dem Titel «Unterwegs» auch in Buchform erschienen.

(Die in den Texten geäusserten Meinungen spiegeln nicht notwendigerweise die Haltung der VBG. Teilweise sind die Geschichten auch frei erfunden.)

#Gute-Fahrt-Geschichten
Ruth Spitzenpfeil

Ruth Spitzenpfeil ist Journalistin und derzeit tätig als Kulturredaktorin bei der «Südostschweiz». Von 1999 an reiste sie für die «Neue Zürcher Zeitung» um die Welt, um die Erfolge der Schweizer Eiskunstläufer zu analysieren und zu feiern. Ihre Expertise zur internationalen Entwicklung des Sports ist auch heute noch bei Grossanlässen wie Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften gefragt.

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