deen

Nürensdorf – spurensuchend unterwegs

Ein Dorf im Herzen des Kantons Zürich, möchte offenbar unentdeckt bleiben. Aus gutem Grund!

Es gibt aber ein „Dorf“ im Herzen des Kantons Zürich, das unentdeckt bleiben will. Eines, in dessen freigelegtem Dorfbach Bachstelzen ihre Flügel netzen und von dessen Baumwipfeln keck die Elstern schäckern. Ein Haufendorf, vor 1700 Strassendorf, mit Ortsteilen, die so idyllische Namen ausgebildet haben wie Birchwil, Breite, Oberwil, Hakab, Breitenloo und Kleinhaus.

Ein „Dorf“, das bei seinen Ortseingängen fürsorglich Krötenwanderungsschilder anbringt, wo Bauernhäuser mit Pflanzblätz neben azoreanisch anmutenden Villen umgeben von Hortensienbombast glänzen, ein „Dorf“, das ganze fünf Haltestellen der VBG Verkehrsbetriebe Glattal AG zählt.

Es gibt dieses „Dorf“, und schon einmal unternahm es alles Erdenkliche, um nicht entdeckt oder wenigstens nicht vereinnahmt zu werden. Die dunklen Sagen der Vorzeit berichten warnend von einem Reiter ohne Kopf, der auf seinem Schimmel von den Heidenburgen herkommend über offenes Gelände preschte, nur um sich geisterhaft in Luft aufzulösen und andernorts wieder zu erscheinen. Und von einer Frau Escher munkeln sie, gekleidet ganz in Weiss, die unlauteren Menschen den Gang über den Steg verwehrt haben soll und die – wer weiss – das auch heute noch tut.

Hätten nicht einst mutige Römer den Trassenschlag gewagt und ihre Heerstrasse von Vindonissa just durch jenes „Dorf“ nach Brigantium gestampft und gepflastert. Hätten nicht wettergegerbte Kutscher genau dieser im Mittelalter angelegten Gewanneflur entlang – den wandernden Feldstreifen der Bauern, den von Hügeln und Ebenen gesäumten Strecken – ihre Zugtiere gelenkt. Die Aufsehen erregenden Galakutschen. Die von blutechten Hengsten gezogenen Frachtwagen der Speditionsfirma Türler & Cie. Die dreispännigen Postkutschen, die vor dem Bären Halt machten, einem Gasthof mit Tavernenrecht und damit befugt, Durchziehende zu beherbergen, Feste auszurichten und Zug- und Reittiere einzustallen. Diese niemals saumseligen Kutscher bedienten bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die Verkehrsachse zwischen Bodensee und Westschweiz mit Stolz und mit Fleiss.

Später besprengten Sprühwagen ungebundene Strassen versuchsweise mit Sulfitablauge, Gerberlohe oder Bitumengemisch, um den Staub zu binden. Und als man 1963 eine Buslinie einweihte, die vom Winterthurer Bahnhofsplatz via Töss, Dättnau, Brütten bis nach Kloten führte, wurden Reden gehalten, Lieder angestimmt, und zwischen den roten, blumengeschmückten Mercedesbussen gaukelten bunte Ballone in die Luft, hoch und immer höher …

All dies scheint vergessen zu sein.

Das „Dorf“, von dem hier die Rede ist, beklagt heute öffentlich, dass die Hauptverkehrsachsen weitgehend an der Gemeinde vorbeiführen und fragt sich auf seiner Homepage kleinlaut: «… ein Grund, weshalb Nürensdorf noch wenig bekannt ist?»

Von der Breite herkommend weht blumig duftendes Heuparfüm durch den Bus. Ein Traktor – ein alter Jucker? – tuckert vorbei, den Zettler hochgeklappt, winkt der Bauer fröhlich. Der Glockenturm des Zythüslis ist eingerüstet und wird renoviert, Arbeiterlachen klingt durch die trockene, schon fast zu warme Frühlingsluft, und der bunte Kreisel im Dorfzentrum spricht von Weltoffenheit und Schwung. Wie es sich für ein Zentrum gehört, findet sich alles Begehrenswerte in Fussdistanz: Die Schlossbraui, der Schoggi-Fabrikladen, der Volg, die Bibliothek, die Ludothek, das Gemeindehaus, das Bäckerei-Bistro und selbst das Wirtshausschild des Bären prangt einladend in alter Pracht.

Wein an den Hängen, intaktes Naturschutzgebiet, Vogelbeobachtungsposten, Libellen über dem Bach, Kinderstimmen vom Waldchindsgi her – was will man mehr? Weshalb also dieses scheinbare Verzagen, diese publik gemachte Verlegenheit? Selbst auf der Gemeindeverwaltung wird die Anfrage nach Ansichtskarten mit Bildern der Gemeinde Nürensdorf mit einem «Leider nein» weggewedelt, «die gibt es bei uns nicht mehr».

Kaum zu glauben. Und doch: der mithorchende Chämifäger schmunzelt im Vorbeigehen heimlifeiss, er weiss warum. Er weiss, weshalb weder Volg, noch Post, noch Bäckerei Ansichtskarten des „Dorfes“, feilbieten. Er weiss es, er und die anderen Männer und Frauen des ortsansässigen Gewerbes wissen es auch, die über vierzig Vereine, er und sämtliche Bewohnerinnen und Bewohner teilen das Geheimnis, und sie zerquetschen ihr Grinsen zu einem lautlos lachenden Gesicht, das den Durchreisenden nur fuchsen kann. Und selbst der Buschauffeur der VBG tut mit: einmal, wenn er in die Gemeinde einfährt und einmal, wenn er sie verlässt. Er lächelt still in sich hinein. Und von seinem Blick geht ein Glühen aus, das alles erzählt vom Glück einer geheim gehaltenen Idylle, von der er bei Föhntagen den Säntisblick geniesst und dessen Wetterfahnen munter drehen, auf dass er sie suche, verliere und wiederfinde wie einen geheimen Märchenhain, zu schön, um wahr zu sein, – und warum nicht, es suchen und es finden, das Paradies, mit einem der 52 VBG Busse, die es anfahren an einem Werktag, heute, jetzt. Der Chauffeur lacht: «Seht!»

 

Dies ist eine von 25 «Gute-Fahrt-Geschichten» rund um die Gemeinden des VBG-Marktgebiets. Die Texte wurden von verschiedenen Schweizer Autorinnen und Autoren zum 25 jährigen Bestehen der VBG verfasst und sind unter dem Titel «Unterwegs» auch in Buchform erschienen.

(Die in den Texten geäusserten Meinungen spiegeln nicht notwendigerweise die Haltung der VBG. Teilweise sind die Geschichten auch frei erfunden.)

#Gute-Fahrt-Geschichten
Michèle Minelli

Michèle Minelli ist Schriftstellerin und Schreibcoach. Sie hat lange im Zürcher Unterland gelebt und betrachtet es jetzt gerne aus Iselisberg, wo sie heute lebt und schreibt.

Mehr von Michèle Minelli

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert