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Opfikon – jung unterwegs

Wie man beim Altwerden jung und mobil bleibt

Happy Birthday Opfikon! Die Stadt feiert 2018 ihren 50sten Geburtstag und ist damit genau doppelt so alt wie die VBG. So alt – respektive: jung! – wie beide zusammen ist die Journalistin und Publizistin Klara Obermüller, eine streitbare Stimme in der Presselandschaft in Altersfragen, zu denen auch der gleichberechtigte Zugang zur Mobilität gehört. Unsere Mediensprecherin Katrin Piazza war mit Klara Obermüller in Opfikon unterwegs und hat das Gespräch aufgezeichnet.

Ich bin ein Reisefüdli, immer schon gewesen, und immer mit dem ÖV unterwegs. Meine Eltern hatten kein Auto, und ich selbst habe nie Autofahren gelernt. Doch das hat mich nie aufgehalten, im Gegenteil. Dieses Jahr werde ich Jordanien bereisen, im nächsten Jahr Japan. Was heisst hier ‚noch’ so mobil? Mit dem Wort ‚noch’ können Sie mich (richtig) auf die Palme bringen. Zu oft habe ich das hören müssen nach meiner Pension. Als wollte man mich immer wieder in die Seniorenecke drücken mit Bemerkungen wie: «Was, du schreibst noch? Wie, du arbeitest noch? Du reist noch in solche Länder?» Was heisst denn hier ‚noch‘? Ich atme, ich lebe, ich schreibe und arbeite und reise, so lange es mir Spass macht und so lange es mir körperlich möglich ist. Ganz bewusst geniesse ich dieses Privileg des Alters: Tun, worauf ich Lust habe. Und selbstverständlich möchte ich mich frei bewegen, möchte ich ‚noch’ so lange reisen, wie ich will und wie ich kann. Auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln, das sollte für mich und meine Altersgenossen ja genau so selbstverständlich sein, wie für junge Menschen, oder?

Der öffentliche Verkehr soll für gleichwertige Lebensbedingungen sorgen und die Mobilität möglichst vieler Menschen garantieren. Ginge es nach mir, sollten Sie in Ihren Fahrzeugen deshalb noch mehr Halterungen anbringen und die Sitzplätze so anpassen, dass gebrechliche Menschen sich leichter hinsetzen und wieder aufstehen könnten.

Die eigene Mobilität verändert sich unmerklich, in winzigen Schritten. Was ich aber sehr deutlich spüre, ist der Unterschied im Tempo. Der Takt der Fahrpläne hat sich verdichtet. Zum Glück – früher stand ich mir vor dem Fernsehstudio am Leutschenbach eine halbe Stunde lang die Beine in den Bauch, wenn ich den Bus verpasst hatte. Anderseits muss heute auch das Ein- und Aussteigen so schnell gehen, dass man schon froh ist, wenn der Busfahrer mal freundlicherweise wartet, bis man sitzt. Auch wünschte ich mir, dass die Grünphasen gewisser Ampeln verlängert würden. Manchmal wird mir bang, wenn ich mich erst in der Mitte der Strasse befinde und sehe, wie die Ampel auf Rot schaltet. Wegrennen? Das geht ja eben nicht mehr. Schlimmer als die Ampeln sind nur noch die Velos. Wenn mich auf dem Trottoir ein Velo von hinten überholt, ganz lautlos, ganz nah – da fühle ich mich körperlich bedroht. Stürze sind für alte Menschen fatal, oft sogar der Anfang vom Ende. Das sollte man jungen Menschen begreiflich machen und Zuwiderhandeln notfalls bestrafen.

Schauen Sie sich mal die demographische Entwicklung in der Schweiz an. Es ist mit immer mehr Hochbetagten zu rechnen, das ist allgemein bekannt. Müsste das nicht berücksichtigt werden in der Verkehrsgestaltung? Indem langsamer und schneller Verkehr klarer voneinander getrennt würden? Warum sollten Autos nicht vor Altersheimen oder auch vor Schulen etwas länger anhalten und damit den sehr jungen oder sehr alten Menschen eine Chance geben, die andere Strassenseite sicher zu erreichen? Gleichwertige Teilhabe am öffentlichen Leben – könnte sich dieser Anspruch nicht auch auf das Unterwegssein beziehen? Die Zahl der 80+-Jährigen wird sich allein im Kanton Zürich bis 2040 gegenüber heute verdoppeln, und auch jene der 65- bis 79-Jährigen wird um die Hälfte zulegen. Auf sie sollte auch die Verkehrsplanung Rücksicht nehmen. Gerade das Unterwegssein hält doch jung!

Umgekehrt muss man aber natürlich auch einsehen, dass irgendwann nicht mehr alles geht. Ich renne nicht mehr auf den Zug, das Tram oder den Bus. Lieber gehe ich (viel) zu früh aus dem Haus oder sage mir, ‚nimmst du halt den nächsten’. Diesen Stress muss ich mir nicht mehr antun. Aber wann ist Schluss mit den öffentlichen Verkehrsmitteln? Und wer bestimmt, wann Schluss ist? Ich finde, es gehört zum Altwerden, dass man irgendwann auch einsieht, dass Schluss ist. Das gehört zur Bewältigung der Aufgaben, die einem das Alter stellt. Nein, leicht ist das gewiss nicht. Im Gegenteil, es kann sehr kränkend sein und am Selbstwertgefühl nagen. Vielleicht braucht man dann einfach jemanden, der einem auf der Seele kniet und begreiflich macht, dass die Benutzung von Taxi, Begleitdienst oder Tixi nicht unzumutbar ist, sondern letztlich sogar zur Erhaltung der Autonomie dienen kann. Eine andere Art der Autonomie halt.

Wie man jung bleibt? ‚Fragt, möchte ich diesen Kindern dort zurufen, ‚fragt und hinterfragt, stellt notfalls alles in Frage!’ Die Neugier ist ein Schlüssel zur Jugendlichkeit. Der Schweizer Historiker und Publizist Jean Rudolph von Salis ist in dieser Hinsicht ein Vorbild für mich. An seinem 92sten Geburtstag erklärte er seine geistige und körperliche Fitness so: «Ich bin halt noch immer so unglaublich gwunderig, möchte noch so viel sehen und erleben.» Aber wissen Sie was? Letztlich waren es Kleinigkeiten, die er sich wünschte: die Pyramide vor dem Louvre sehen, die damals neu war, oder noch einmal in Rom im Cafè Greco sitzen und einen Espresso trinken. Solch simple Dinge sind es, die einen jung halten. Aber natürlich nur, wenn man auch etwas dafür tut und in Bewegung bleibt – in jeder Hinsicht.

 

Interessante Fakten über Opfikon

  • In Opfikon-Glattbrugg befindet sich der Geschäftssitz der VBG.
    50 Jahre Opfikon? Opfikon gab’s natürlich schon länger, aber da 1968 die 10’000er-Marke geknackt wurde, ist Opfikon seit dann offiziell eine Stadt. (Die VBG ist übrigens auch schon etwas älter als 25 Jahre – aber da 1993 die AG gegründet wurde, feiern wir 2018 unser Jubiläum.)
  • Opfikon trug in den letzten Jahren massgeblich zum Wachstum der VBG bei: 2008 wurden noch 6526 Einsteiger pro Tag in Opfikon gezählt, 2017 waren es bereits 18’610.
  • In Opfikon leben mehr Kinder als in anderen Gemeinden im Kanton Zürich: 3009 0-14-Jährige waren es 2016 – nur Bülach bringt es auf annähernd so viele. Auch von den 20-39-Jährigen gibt es in Opfikon mehr als anderswo. 669 Personen sind 80 Jahre und älter.
  • Im Städteranking der «Bilanz» belegt Opfikon 2018 bereits zum zweiten Mal den 28sten von 162 Plätzen. Spitzenwerte erzielte die Stadt in den Kriterien «Bevölkerung & Wohnen» (Platz 1) und «Mobilität» – dort liegt Opfikon direkt nach Zürich und Basel auf Platz 3.

 

Dies ist eine von 25 «Gute-Fahrt-Geschichten» rund um die Gemeinden des VBG-Marktgebiets. Die Texte wurden von verschiedenen Schweizer Autorinnen und Autoren zum 25 jährigen Bestehen der VBG verfasst und sind unter dem Titel «Unterwegs» auch in Buchform erschienen.

(Die in den Texten geäusserten Meinungen spiegeln nicht notwendigerweise die Haltung der VBG. Teilweise sind die Geschichten auch frei erfunden.)

#Gute-Fahrt-Geschichten
Klara Obermüller

Klara Obermüller war nach ihrem Studium der deutschen und französischen Literatur ihr Leben lang Journalistin und Publizistin und arbeitete unter anderem für die Kunst- und Kulturzeitschrift DU, NZZ, Weltwoche und als Freischaffende. Von 1996 bis zu ihrer Pensionierung moderierte sie die Sendung „Sternstunde Philosophie“ von SF DRS.

Mehr von Klara Obermüller

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