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Otelfingen – sportlich unterwegs

Blumenkind und Fussballgott

Mein erster Schatz war aus Otelfingen. Sie hieß Sabrina und war von Beruf Blumenkind. Flowerpower gehörte in den 1970ern unter Jugendlichen genauso zum guten Ton wie heute fabrikneue Markenkleider. Ausserdem war Sabrina Blumenkinds Beruf tatsächlich Floristin. Sie machte die Lehre am Limmatquai, während ich am Zürichberg oben auf ein sogenanntes Elite-Gymnasium ging und mir auch etwas darauf einbildete.

Wir lernten uns im «Türk» kennen, einem schrägen Café, wo ein grantiger Wirt im Rollstuhl regierte. Sabrina verbrachte hier ihre Mittagspause, ich schwänzte im «Türk» meine Physik-, Chemie- und Geographie-Stunden. Prompt verliebten wir uns ein wenig bei Jasmin-Tee und Apfel-Wähe. «Besuchst du mich mal in Otelfingen?», flüsterte Sabrina in ihrem violett handkolorierten T-Shirt, während Uriah Heep aus der Jukebox «Lady in Black» flötete. «Klaro!», verkündete ich cool in meinen Jeans-Latzhosen, obwohl ich keinen Dunst hatte, ob Otelfingen im Oberland oder an der Ostsee lag.

So weiss ich auch nicht mehr, auf welch verschlungenen Wegen ich es damals zu Sabrina schaffte. Schliesslich gab es im Kanton Zürich noch keine S-Bahn. Und die einzigen Geleise im Furttal führten nicht ins schöne Otelfingen, sondern in die Finsternis der Lägern-Bergwerke zwecks Kohleabbau.

Trotzdem läutete ich eines Herbstsonntags, punkt 15 Uhr, an der Tür der Familie K. Das Haus stand im ersten Zuzüger-Quartier von Otelfingen. «Alles Mehbesseri!», haben die Bauern ringsum vermutlich von Leuten wie den K.‘s gesagt. Notabene, nachdem sie ihnen das Bauland zum saftigen Preis von drei guten Öpfel-Ernten verkauft hatten.

Sabrinas Eltern waren tatsächlich «Gstudierte». Der Vater an der ETH, die Mutter arbeitete, wenn ich mich recht entsinne, im Landesmuseum. Jedenfalls haben wir uns bei Tee und Zwetschgenkuchen sehr gescheit unterhalten – über Theater, Ausstellungen, ja sogar über Sport: Frau K. war Mitglied des Fechtclubs Baden und der Herr Professor wie ich Anhänger der Grasshoppers, die in jenem Sommer wieder mal Landesmeister geworden waren. Kein Zweifel, für Sabrinas Eltern war ich der ideale Schwiegersohn!

Entsprechend euphorisch hätte ich beim Einnachten den Heimweg angetreten, wäre mir in der Tür beim Abschied nicht eine Träne in Sabrinas Augenwinkel aufgefallen. Plötzlich und ja, etwas gar spät, wurde mir bewusst, dass Sabrina den ganzen Nachmittag kaum ein Wort gesagt hatte. Und ins Café Türk ist sie dann auch nie mehr gekommen.

So war das mit mir und Sabrina K. und Otelfingen vor vierzig Jahren. Und ich hätte sicher nie mehr einen Fuss an diesen Ort gesetzt, wäre da nicht Richi B. gewesen.

Richi B. spielte in dem Jahr, als ich Sabrina K. im «Türk» kennenlernte, bei den erwähnten Grasshoppers auf dem Hardturm, und er war mit seiner Rückennummer 8 ein bedeutendes Vorbild für mich. Richi stammte aus Witikon, wo ich damals selber bei den A-Junioren kickte. Und genau wie ich wirkte er auf den ersten Blick kaum wie ein Weltklasse-Spieler – eher langsam, fast behäbig, jedoch mit einem todsicheren Instinkt für die unergründlichen Wege des runden Leders. Wie beim Märchen von «Hase und Igel» war Richi immer schon am Ball, wenn viel berühmtere Gegenspieler noch suchend über den Rasen irrten. Ausserdem hatte er eine Granate von Schuss, einen Knaller von Kopfball! Ja, nicht zuletzt wegen Richi B. war ich damals am Sonntagnachmittag bei jedem GC-Heimspiel. Es sei denn, ich besuchte jemanden in Otelfingen.

Nach Richis Rücktritt vom Fussball verlor ich ihn jahrelang aus den Augen – bis ich eines Tages urplötzlich in seinem Garten sass. Und das ausgerechnet in Otelfingen!

Die Sache war die, dass wir beide zum Kader der GC-Veteranen «Ü50» gehörten, Richi schon länger, ich erst neuerdings. Und nun traf sich diese Mannschaft zur ersten Teamsitzung der neuen Saison – auf Richis Einladung eben in seinem Otelfinger Garten.

«Wie kommst denn du nach Otelfingen?», fragte ich ihn bei der erstbesten Gelegenheit. «Ganz einfach», grinste Richi, während er mir mit der Grillzange eine Bratwurst auf den Teller hievte. Und dann schilderte er mir, wie er vor Jahrzehnten, mitten in Zürich, im Auto vor einem Rotlicht auf seine Silvia gestossen sei. Oder besser gesagt: sie auf ihn. Und wie sich dieses zufällige Treffen «zufällig» wiederholt hatte. Und wie ihn Silvia dann eines Tages fragte: «Besuchst du mich mal in Otelfingen?», wo sie nämlich wohnte. Und wie er, Richi, dann bald darauf selber in Silvias Wohnung eingezogen sei. Und wie sie beide sich später dieses schöne Haus hier gekauft hätten, samt diesem lauschigen Garten, am Sonnenhang von Otelfingens erstem Zuzüger-Quartier. Ob hier oben wohl einst eine Familie K. wohnte?

«Schau, man sieht über das ganze Furttal», erklärte mir Richi stolz, «wenn du willst, zeige ich dir nachher noch das Dorf.»

So kam es, dass ich bald darauf alles Wesentliche über Otelfingen wusste. Zum Beispiel, dass man im «Höfli» ausgezeichnet tafelt. Und dass man in Schiblis Bio-Hofladen neben Gemüse und Früchten original Otelfinger Pinot bekommt, dass der Hofladen-Schibli aber im Fall nichts mit «Schibli Beeren» zu tun habe, zumal in Otelfingen quasi jeder entweder Schibli oder Schlatter heisst. Und dass im alten Dorfkern famose Fachwerkhäuser stehen, darunter sogar eine Kultur-Mühle! Und dass im Keller vom ehemaligen Gemeindehaus heute Otelfingens ganzer Stolz daheim ist: nämlich der Fechtklub, für den Richis Silvia lange Zeit den Degen schwang, während er irgendwo im Kanton draussen mit seinen Fussball-Kumpels unterwegs war.

Zum Abschluss zeigte mir Richi an jenem Nachmittag dann auch noch das moderne Otelfingen: den Spar und den Aldi, samt der ganzen Industrie, wo Jelmoli ein Riesenlager hat. Er zeigte mir das eben erst vergrösserte Schulhaus, welches aber schon bald wieder zu klein sein dürfte, zumal immer mehr Menschen nach Otelfingen ziehen, «weil du hier», wie Richi schwärmte, «alles hast, was du zum Leben brauchst: solide Häuser, nette Menschen und sogar einen Pony-Hof!»

Wenig später setzte mich Richi an einer der, man höre und staune: zwei Otelfinger S-Bahn-Stationen ab, nämlich an jener, die man eigens für den neuen Migros-Golfplatz gebaut hatte. Während ich auf den Zug wartete, ging über den geradezu idyllisch mit Blumen umpflanzten Greens die Sonne unter. «Ja, hier könnte man auch leben», dachte ich fast etwas wehmütig. Aber dann kam sie auch schon, meine S6, um mich sicher heim in die grosse Stadt zu bringen.

 

Dies ist eine von 25 «Gute-Fahrt-Geschichten» rund um die Gemeinden des VBG-Marktgebiets. Die Texte wurden von verschiedenen Schweizer Autorinnen und Autoren zum 25 jährigen Bestehen der VBG verfasst und sind unter dem Titel «Unterwegs» auch in Buchform erschienen.

(Die in den Texten geäusserten Meinungen spiegeln nicht notwendigerweise die Haltung der VBG. Teilweise sind die Geschichten auch frei erfunden.)

#Gute-Fahrt-Geschichten
Richard Reich

Richard Reich ist Autor, Kolumnist, Fussballer und Schreibtrainer. Während es in den Texten, die gemeinsam mit Jugendlichen oder auch mit den Sieger/innen des Wettbewerbs für über 70-Jährige entstehen, Intercity-mässig rasant zugeht, mag er es in den eigenen Werken oder auch als Leser gerne Regionalzug-artig beschaulich.

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