Warte, luege, lose, laufeEin Gespräch über Prävention im Strassenverkehr

Prävention ist eine wichtige Massnahme, um Sicherheit im Strassenverkehr herzustellen. Wir bringen Marco Selenati, zuständig für die Kinder- und Jugendinstruktion bei der Kantonspolizei Zürich, mit Matthias Keller, Direktor der Verkehrsbetriebe Glattal, für ein Gespräch zusammen. Es geht um Visionen, erhobene Zeigefinger und natürlich die neue Präventionskampagne der VBG.

Herr Selenati, Sie sind der nette Polizist, der den Kindern das Einmaleins des Strassenverkehrs beibringt. Ich erinnere mich an das Motto «Warte, luege, lose, laufe», das man schon im Chindsgi lernt. Ist das noch aktuell?
Selenati: Absolut. Wir bringen den Kindern bei, wirklich zu warten und genau nach links und rechts zu schauen, bevor sie die Fahrbahn betreten. Auch beim Zebrastreifen sollen sie so lange warten, bis das sich nähernde Auto ganz angehalten hat. Rad steht – Kind geht. So lautet das Motto unserer Kampagne. Denn Kinder können Distanzen und Geschwindigkeiten noch nicht gut einschätzen.

Bild VBG mit Kantonspolizei
© Kantonspolizei Zürich
Erst warte. Dann luege, lose, laufe. So lernen es die 4- und 5-Jährigen im Chindsgi.

Herr Keller, das ist doch Ihr Stichwort. Auch Sie von der VBG wenden sich mit einer Präventionskampagne an Ihre Fahrgäste und die Passanten an den Haltestellen. Wie lautet Ihre Botschaft?
Keller: Sie ist ganz ähnlich wie die, die Herr Selenati den Kindern beibringt. Wir sagen den Passanten rund um unsere Haltestellen: Planen Sie Ihre Zeit, beachten Sie die Signalisation und bleiben Sie aufmerksam.

Also «Warte, luege, lose, laufe» für Erwachsene.
Keller: Genau. Aber wir beschränken uns nicht auf die Sicherheit ausserhalb unserer Fahrzeuge, sondern richten uns auch an unsere Fahrgäste im Bus und Tram. Ihnen sagen wir mittels anschaulichen Icons, dass sie sich hinsetzen, festhalten und ihre Gegenstände sichern sollen. Damit verringert man das Verletzungsrisiko im Falle einer Vollbremsung enorm.

Und beides hängt ja auch eng zusammen.
Keller: Richtig. Wenn sich die Passanten vor und neben Bus und Tram aufmerksamer verhalten, kommt es auch seltener zu Notbremsungen und unsere Fahrgäste fahren sicherer.

Warum stellen Sie überhaupt eine eigene Kampagne auf die Beine? Wollen Sie die Kantonspolizei entlasten?
Keller: Ich finde, die Polizisten im Kanton Zürich machen einen hervorragenden Job. Die Präventionsarbeit ist sehr gut organisiert. Wir sehen unsere Kampagne als Ergänzung. Als Verkehrsunternehmen sind wir ja ganz nah dran am Geschehen und haben die Möglichkeit, mit unseren Fahrgästen in Dialog zu treten. Diese Chance nutzen wir und leisten so unseren Beitrag zu mehr Sicherheit.

Herr Selenati, was sagen Sie zu der Kampagne?
Selenati: Ich finde, sie trifft den Nagel auf den Kopf. Und grundsätzlich unterstützen wir von der Kantonspolizei Zürich natürlich alles, was zu mehr Verkehrssicherheit beiträgt.

© Verkehrsbetriebe Glattal AG
Marco Selenati weiss: Die meisten Unfälle entstehen durch Unachtsamkeit.

Was ist denn aus Ihrer Sicht das Hauptproblem? Wodurch entstehen die meisten Unfälle im Strassenverkehr?
Selenati: Ganz klar durch Unachtsamkeit. Man schaut schnell aufs Handy oder ist gerade in ein Gespräch vertieft und läuft einfach auf die Fahrbahn oder das Gleis. Besonders in Gruppen verhält sich der Mensch meist nicht autonom. Läuft einer, laufen die anderen hinterher. Das ist bei Erwachsenen nicht anders als bei Kindern. Die Kleinsten sind allerdings diejenigen, die am vorbildlichsten über die Strasse gehen. Je sicherer man wird, desto nachlässiger wird man auch. Das sieht man bei den Erwachsenen.

Was kann man dagegen tun?
Selenati: Man kann nur immer wieder darauf aufmerksam machen. Allerdings sehe ich auch die Gefahr, dass zu viele Kampagnen eher das Gegenteil bewirken: Die Leute stumpfen ab und registrieren die Botschaften irgendwann gar nicht mehr. Das ist wie mit den Kleinen im Chindsgi. Komme ich einmal im Jahr, freuen sie sich immer sehr auf meine Lektion. Käme ich öfter, wären Begeisterung und Aufmerksamkeit wahrscheinlich weniger gross.

Herr Keller, wie sehen Sie das?
Keller: Ähnlich. Man muss die Aufmerksamkeit immer wieder neu gewinnen. Da hat man bei den Kleinen sicher leichteres Spiel als bei den Grossen. Zumal die Gefahr besteht, dass sich Erwachsene bevormundet fühlen. Wir haben deshalb grossen Wert darauf gelegt, dass unsere Kampagne nicht mit erhobenem Zeigefinger daherkommt, sondern im Gegenteil hoffentlich sympathisch und freundlich wirkt.
Selenati: Und trotzdem wollen Sie ja ganz klar sagen, wie sich die Leute verhalten sollen. Es ist eine Gratwanderung – auch bei unserer Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen. Wir wollen natürlich deutlich auf die Gefahren im Strassenverkehr hinweisen; auf der anderen Seite wollen wir aber auf keinen Fall übertreiben und Ängste schüren.

Es ist die ewige Frage der Präventionskommunikation. Wie direkt muss eine Kampagne sein, damit sie die Menschen nicht nur erreicht, sondern auch berührt und ihr Verhalten beeinflusst?

© Verkehrsbetriebe Glattal AG
Matthias Keller und Marco Selenati diskutieren, wie weit man bei einer Präventionskampagne gehen kann.

Herr Selenati, braucht es vielleicht eine Neuauflage der Vision Zero, die der ehemalige Bundesrat Moritz Leuenberger vor nun bereits 18 Jahren initiierte? Sein Ziel: Kein Mensch soll im Strassenverkehr sterben.
Selenati: Der Grundidee kann ich nur zustimmen. Und auch wenn die Null wahrscheinlich nie ganz erreicht werden kann, so ist sie als Ziel unbedingt erstrebenswert. Und wenn ich mir die Zahlen anschaue, dann sind wir doch auf einem guten Weg.
Keller: Wir orientieren uns gern an dieser Vision. Als Verkehrsunternehmen haben wir auch eine besondere Verantwortung. Unsere Aufgabe ist es, die Fahrgäste sicher ans Ziel zu bringen und Unfälle jeglicher Art zu vermeiden. Dafür tun wir alles.

Herr Selenati, Herr Keller, was würden Sie sich von den Verkehrsteilnehmern wünschen?
Selenati: Mehr Aufmerksamkeit. Und da fange ich bei mir an. Man sollte nicht immer nur andere belehren, sondern sich ab und zu ganz selbstkritisch fragen: Verhalte ich mich eigentlich immer so vorbildlich wie ich müsste?
Keller: Ich würde mir wünschen, dass wir alle ein bisschen aufmerksamer durch die Welt gehen. Das macht das Leben nicht nur sicherer, sondern bereichert es auch. Für unsere Kampagne wünsche ich mir, dass sie positiv wahrgenommen wird, sowohl von unseren Fahrgästen in den Bussen und Trams wie auch von den anderen Verkehrsteilnehmern, mit denen wir uns den Strassenraum teilen.