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Volketswil – wandernd unterwegs

Im wilden Grün verschwinden

„Volketswil?“ – „Volketswil!“ Eine jede und ein jeder scheint eine Meinung dazu zu haben. Eine Freundin sagte: „Da eröffnete die erste Schweizer Filiale von ‚Zara Home’, deshalb fuhren wir hin. Es war Horror.“ Ein Freund sagte: „Als Kind musste ich mit meinen Eltern immer ins Volkiland zum Einkaufen. Ich bin noch immer traumatisiert.“ Eine Bekannte sagte: „Nach Volketswil fuhr ich immer, als ich Kleidereinkäuferin war, beim ABM, als es den noch gab, da waren wir immer in einem Showroom im ersten Untergeschoss, ohne Tageslicht. Für mich ist Volketswil noch immer ein einzig grosses erstes Untergeschoss ohne Tageslicht.“
Irgendwann dachte ich: Es kann kein Zufall sein, dass die beiden Wörter mit dem Buchstaben V beginnen: Volketswil und Vorurteil. Und da ich seit den Sommerferien nichts anderes getan hatte (beinahe), als Krimis von George Simenon zu lesen, die mit dem Kommissar Maigret, da dachte ich – ganz in der Manier des grossen Kriminologen -, ich müsse dort mal vorbeischauen, in Volketswil, die Dinge mit eigenen Augen sehen, denn wissentlich war ich noch nie dort gewesen – oder aber ich hatte es verdrängt.

So bestieg ich an einem ziemlich prächtigen Herbsttag am Zürcher Hauptbahnhof die S9, fuhr durch den dunklen Berg bis Schwerzenbach, wo ich in den Bus mit der Nummer 725 Richtung Uster stieg – und um ein Haar hätte ich es verpasst, dort auszusteigen, wo ich aussteigen wollte, so sehr war ich bereits in das Studium der Wanderkarte vertieft: Volketswil Dorf.

Dort im Dorf ist der Ausgangspunkt für eine Wanderung, gefunden hatte ich sie in einer Broschüre des Verschönerungsvereins Volketswil (nicht nur die Worte „Vorurteil“ und „Volketswil“ beginnen mit dem 22. Buchstaben des Alphabets). Die Wanderung wird angepriesen unter dem Titel „Volketswil Höhen und Weiten geniessen“. Zwar hätte ich den Titel „Volketswil Höhen und Tiefen geniessen“ noch verlockender gefunden, aber auch so war ich gespannt. Und wie der Name der Busstation es ankündigte: Der Ort ist ein Dorf dort, ein Brunnen plätschert, die reformierte Kirche schlägt elf Uhr, beim Volg hilft die Verkäuferin einer älteren Dame mit AKW-Kühlturm-Dampf-weissem Haarturm zur Tür herein; ein Idyll.

Links biege ich ab, bald steigt der Weg an, führt mich aus dem Dorf heraus, vorbei an ehemaligen Bauernhäusern, alle schön umgebaut und herausgeputzt, eine Katze auf dem Feld lässt sich nicht stören und starrt weiter stoisch in ein Mauseloch, eine Elster ruft laut ihr kratzendes „schäck-schäck-schäck“. Schon lasse ich die letzten Häuser hinter mir, über ein Feld auf der Hochebene führt der unbefestigte Weg. Ein Bauer rasiert mit einem grünen Monstrum ein Maisfeld, schwer hängen die Äpfel an den mit Holzstecken gestützten Ästen niedrigstämmiger Bäume, man meint ihr Ächzen und Stöhnen zu hören. Und dann, nach hundert Schritten, verschluckt mich der Wald, kühl, dunkel und still. Auf direktem Weg geht es hinein, dann biege ich rechts auf den Mösliweg ab. So könnte ich nun unter Bäumen gen Südosten bis zum Pfäffikersee spazieren. Kurz denke ich noch über das Schild nach, welches am Eingang des Waldes mit Schnur an einen Pfosten gebunden war: „Sehr geehrte Passanten. Hier in der Nähe führen wir zurzeit ein Selbstverteidigungstraining durch. Die Behörden sind darüber informiert. Besten Dank für Ihr Verständnis.“ Doch ich sehe niemanden trainieren oder kämpfen, kein Kung-Fu, kein Karate, bloss Bäume und Farn, moosiger Boden und der einzige Kampf, der hier geführt wird, ist der meinige mit der widerspenstig knisternden Wanderkarte, die ich dann und wann konsultiere, bis mir das zu blöd wird. Ich beschliesse, fortan einfach nach Gefühl zu gehen, weg vom Weg, quer durch den Wald, damit ich mich ein wenig verlöre. Das Terrain steigt an, ein dorniger Strauch hält mich zurück, nur kurz, tiefer geht es hinein, und obwohl ich weiss, dass es kein riesenhafter Wald ist, so wie die Tundra etwa, in der man sich derart verlaufen kann, dass man erst nach Jahren wieder herausfindet, obwohl mir bewusst ist, dass ich umzingelt bin von Zivilisation und mich kaum verirren kann, so ist es doch immer wieder ein spezielles Gefühl, alleine unterwegs zu sein im Gehölz, auf unbekanntem Terrain, knacksendes Totholz unter den Füssen, ins Gesicht peitschende Ästchen im Gesicht. Und schon bin ich wieder auf einem befestigten Weg, einen Stecken in der Hand marschiere ich weiter, nicht schnell, nicht langsam, und denke: Es ist ein Wald, der genutzt wird, man sieht es ihm an, die Schneisen, die in ihn geschlagen wurden, damit man mit den Forstfahrzeugen zurande kommt; es wird gefällt, es wird entastet, es wird herausgezogen und es wird aufgeforstet. Ein Eichelhäher schimpft mich aus, ein überwachsener Baumstrunk liegt am Wegesrand, verrottend, und wie er seine Wurzelreste in die Höhe reckt, sieht er aus wie ein gestrandeter Riesenoktopus. Ein Reh hüpft davon, einen fliehenden Flecken Braun sehe ich noch im wilden Grün verschwinden.

Bald gehe ich eine Stunde. In dieser Zeit hatte ich bloss zwei Menschen gesehen: Eine ganz und gar rosa gekleidete Hündelerin mit einem Labrador, später dann ein Jogger, dessen Zunge fast so aus dem Maul heraushing, wie die des Labradors zuvor. Zwei Menschen in sechzig Minuten, das ist keine schlechte Quote für jemanden, der etwas Ruhe sucht. Man mag den Dichtestress in und um Zürich beklagen, aber man kann auch sagen: Im Wald hat es noch Platz.

Weiter geht es, die Karte zeigt den Weg, der leicht absinkt und ein Strässchen quert, das sinnigerweise Querweg heisst, bis dann plötzlich der Wald doch zu Ende ist. Vor Kindhausen beim Naturschutzgebiet Fröschen steht ein erstes Haus, wie ein Vorbote der nahen, dichten Zivilisation. Ein schweres Motorrad steht in der Garage, Schilder an einem Zaun warnen vor dem Hunde, eine Schweizer Flagge hängt aus dem Fenster im erste Stock. Zwei Männer sind vor dem Haus am Werken, ein ächzendes Geräusch ertönt, dann ein „Klack!“: Sie spalten Holz mit der Maschine. Hoffentlich, so denke ich, bekommen die Bäume im Wald nichts davon mit über, von dieser Grausamkeit, dass ein Artgenosse hier in Stücke zerteilt wird. Ich grüsse die Männer, hebe die Hand, aber sie blicken nur kurz auf, fahren dann schweigend mit ihrer Arbeit fort.

Beim Naturschutzgebiet Fröschen bei der ehemaligen Kiesgrube Blutzwis steht das Gras wild und das dichte Farn am Waldrand erinnert an Filme, in denen Dinosaurier durch die Gegend rennen und zufällig daherkommende Wanderer auffressen. Tatsächlich aber hat es anderes Getier hier, welches von der blumenreichen Wiese angelockt wird, Falter wie die Grossen Ochsenaugen (Maniola jurtina), die Himmelblauen Bläulinge (Polyommatus bellargus) oder die kleinsten Tagfalter ganz Mitteleuropas, die Kleinen Bläulinge (Cupido minimus), die nicht grösser werden als ein Daumennagel. Es blüht die Borstige Glockenblume (Campanula cervicaria), der Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera), der Weisse Sumpfwurz (Epipactis palustris). Zudem finden sich noch andere Schutzgebiete auf dem Gemeindegebiet von Volketswil: Das Flachmoor Chrutzelried, das Grubenbiotop Müsnet, oder das Waldried Mösli. Auch wenn man sie nie gesehen hat: Alleine schon der Namen wegen müssen es schöne Orte sein.

Am Waldrand auf der anderen Seite des Hügels dann eine weniger wilde Ecke, von Menschen für Menschen mit Freizeit gemacht, nach konkreten Ideen und Plänen: Eine Feuerstelle inklusive Rost, tipptopp und picobello, mit gedecktem Holzlager (welches an die Überreste eines antiken Tempels erinnert), fundamentierten Sitzbänken mit und ohne Rückenlehne, mehreren müllsackbestückten Abfallkübeln – dazu gibt es einen weiten Blick gen Westen über das Glattal.

Über die Felder geht es zurück, in der Ferne die Häuser von Volketswil, die sich hinter der Hochebene verstecken, von einem Birnenbaum fallen die dicken Früchte, Wespen tun sich an ihnen gütlich. Bald wird die letzte Birne vom Baum gefallen sein. Dann folgen ihr die Blätter. Und im Wald von Volketswil wird es noch ruhiger werden, als es schon ist.

Dann habe ich den Rand des Dorfes erreicht, die Häuser verschlucken mich. Als ich wieder daheim bin, mit Bus und Bahn und Tram, es geht gar nicht lang, die Füsse summend von den vielen Schritten, da fragt meine Frau: „Und? Wie war es in Volketswil? Schrecklich oder schlimm oder beides zusammen?“ Ich sage: „Herrlich war’s.“ Denn so war es gewesen; so und nicht anders.

 

Dies ist eine von 25 «Gute-Fahrt-Geschichten» rund um die Gemeinden des VBG-Marktgebiets. Die Texte wurden von verschiedenen Schweizer Autorinnen und Autoren zum 25 jährigen Bestehen der VBG verfasst und sind unter dem Titel «Unterwegs» auch in Buchform erschienen.

(Die in den Texten geäusserten Meinungen spiegeln nicht notwendigerweise die Haltung der VBG. Teilweise sind die Geschichten auch frei erfunden.)

#Ausflüge & Freizeit#Gute-Fahrt-Geschichten
Max Küng

Max Küng (*1969) stammt aus Maisprach (BL), wo er auf einem Bauernhof aufwuchs. Seit über zwanzig Jahren schreibt er Texte und Kolumnen für Das Magazin. Diverse Buchpublikationen, zuletzt erschien „Die Rettung der Dinge“ im Verlag Kein & Aber, eine Sammlung seiner besten Kolumnen. Max Küng lebt in Zürich. Er ist verheiratet und Vater zweier Söhne. Er fährt gerne Velo.

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